Man wird ja nicht jünger :-)

HalsDas Leid kommt wohl mit dem Alter. Gibt es einen Zeitpunkt, wo es kontinuierlich abwärts geht, egal wie fit man sich durch Ernährung und Sport (Kinder haben, ist doch Sport) hält?

Naja, bei mir hat alles Ende letzten Jahres angefangen. Um Antons 1. Geburtstag herum ging es extrem los. In regelmässigen Abständen ist mir mein linker Arm aus dem Nichts eingeschlafen. Ich konnte allerdings nicht aus machen, wann genau..lag es an einer bestimmten Bewegung oder Haltung. Es gibt Fotos von Antons Geburtstagsfeier mit den Grosseltern, da ist mein Arm durch und durch getapet, weil ich gehofft habe, das hilft irgendwas. Hat es aber nicht 🙁 Und wie es dann so ist und wahrscheinlich mit Kindern noch viel mehr (die Zeit ist einfach rar und man will ja ungern mit den Zwergen die Zeit in irgendwelchen Wartezimmern verbringen) zögert man den Arzttermin heraus. Als ich aber dann Ende Januar wegen bestimmter Medikamente sowieso zu meiner Neurologin musste, hab ich meinen Arm und meine mittlerweile tauben Zeige- und Mittelfinger mal angesprochen. Sie hat erstmal einen Nervencheck gemacht, da war alles in Ordnung und mich anschliessend in die Röhre geschickt. Schon im Vorfeld hat Olli immer geschmunzelt: „Du hast sicher einen Bandscheibenvorfall im Halswirbelbereich. Das kann man aber operieren und zwar machen die das ganz gruselig von vorne durch den Hals!“. Na, so den Teufel habe ich nicht an die Wand gemalt, da für mich Bandscheibenvorfall immer etwas für alte Leute war und mit Schmerzen verbunden. Ich habe ja keine Schmerzen, nur Aussetzer im Arm und ab und an taube Finger. Da ist sicher nur etwas eingeklemmt. Ok, ich habe seit Jahren viel Kopfschmerzen und mir ist jetzt in der Elternzeit auch aufgefallen, dass es während der Arbeit, vermutlich durch das Sitzen und eventuell auch dem Frischluftmangel, mehr war, als jetzt daheim.
Also, bin ich in die Röhre und mit der Diagnose: Zweifacher Bandscheibenvorfall zwischen C7 und C6 sowie C6 und C5 (das sind die untersten Wirbel der Halswirbelsäule). Die Ärztin aus der Radiologie meinte, ich solle jetzt erstmal zum Orthopäden und mit etwas mehr Krankengymnastik als üblich könnte das vermutlich in den Griff zu bekommen sein. Gesagt, getan. So bin ich von März bis Anfang Juli tapferst 2-3 Mal die Woche zur Physiotherapie und auch zum Neurochirurgn, der mir über Wochen Spitzen gegeben hat, damit der eingeklemmte Nerv (dank des Bandscheibenvorfalls) etwas abschwillt und dann nicht mehr eingeklemmt wird und mir so den Arm lahm legt. Mir ging es nicht schlecht, aber besser wurde das auch nicht. Der Physiotherapeut meinte, dass wir da sicherlich 1,5 Jahre mit beschäftigt wären, da es wirklich arg ist, aber man natürlich erstmal ohne OP auskommen sollte. Logisch, so sehe ich das auch. Warum schnippeln, wenn es auch anders geht.
Und dann kam der Einbruch Anfang Juli: Weil mein Rezept für die Physiotherapie „leer“ war, habe ich einen Termin bei meinem Orthopäden für einen Montag ausgemacht. Wie immer musste ich trotz Termin über eine Stunde warten, während mich mein schlechtes Gewissen geplagt hat, weil Olli mit Anton zu Hause sass und im Homeoffice gearbeitet hat, was eine ziemlich Herausforderung bei unserm kleinen Wirbelwind ist, zumal er ja eigentlich in die Krippe gehen sollte, aber prompt an dem Tag krank war. Als ich dann endlich dran kam, wurde mir die Frage gestellt, wie es mir denn generell so ginge. Ich habe bloss gesagt, dass ich grad etwas Nackenschmerzen hab, hab mich vermutlich die letzte Nacht verlegen oder einen Zug abbekommen, weil es ja im Juli sehr warm war und wir mit offenem Schlafzimmerfenster geschlafen haben. Aber alles nur halb so schlimm. Da meinte er, er würde mir einfach eine Spitze geben, dann würde das bald besser. Und das war im ersten Augenblick, das schlimmste, was mir passieren konnte und jetzt viele Monate später ironischer Weise vermutlich das beste, denn sonst würde ich mich zwischen Spritzen und Physio immer noch hin- und her drehen. Ich bin schmerztechnisch durch die Hölle gegangen, ich habe noch nie solche gleichbleibenden, penetranten Schmerzen gehabt. Mir war schlecht vor nicht endenden Schmerzen, Ibuprofen war wie Traubenzucker, ich konnte nicht schlafen, nicht essen… Den Tag drauf lag ich bei meinem Physiotherapeuten auf der Liege und habe vor Schmerzen geheult, der arme Kerl wusste gar nicht, was er machen soll: „Claudia, hör auf zu weinen, sonst heule ich gleich mit. Das bekommen wir hin. Du gehst jetzt sofort zum Neurochirurgen, der kann die helfen. Und sollte der nicht da sein, dann gehst Du wieder in die Ortho-Praxis und machst da Terror!“. Gut, dass die ganzen Praxen alle relativ nah beieinander liegen, so dass hier Fussmarsch maximal 5 Minuten sind. Wie es der Zufall will, war der Neurochriurg nicht da, da er dienstags immer OP-Tag hat, also bin ich wieder in die Orthopädie-Praxis gelatscht. Geschlagene 2 Stunden hat man mich unter Schmerzend heulend im Wartezimmer warten lassen. Dann kam ich endlich dran: Quintessenz diese Arztbesuches war ein erneutes Rezept für die Röhre und Opiate gegen meine Schmerzen. Ich bin direkt nach Hause und hab alle Radiologien in einem Umkreis von 10 km angerufen (da ich unter meinen Schmerzen keine längeren Strecken mit dem Auto fahren möchte) mit der ernüchternden Aussage, erst im 3.4 Wochen einen Termin zu bekommen. Unfassbar, oder? Da lebt man in einer Grossstadt, ist ein absoluter Notfall, hat letztendlich so etwas wie Drogen durch Schmerzbekämpfung bekommen und kann 3-4 Wochen auf einen MRT-Termin warten. Aber was soll ich machen, ich kann nichts machen. Am Mittwoch habe ich dann vor lauter Frust doch noch bei einer weiter entfernten Radiologie angerufen, die hatten einen Termin in einer Woche für mich. Juhu, ein Lichtblick. Kurz nach dem Auflegen bin ich ins Bad. Just in dem Moment hat das Telefon geklingelt und ich hab es nicht gehört. Und die besagte Radiologie hat zurückgerufen und glücklicherweise auf den Anrufbeantworter gesprochen, dass genau in diesem Moment ein Termin frei geworden wäre, und wenn ich jetzt direkt käme, dann wäre das meiner. Ich zurückgerufen und sass schwupp im Auto. Im Nachhinein eine der blödsten Ideen, denn ich war ja auf Drogen und hätte nicht fahren dürfen, aber die Not, das Leiden hat die Vernunft überschattet. Ergebnis des erneuten MRTs, was im übrigen die Hölle war, denn unter solchen Schmerzen entspannt und ruhig zu liegen, ist nervenzerreissend, dass sich an den bereits vorhandenen Bandscheibenvorfällen nichts verändert hat. Bumm, und jetzt? Ich der Radiologie hat man mir auch felsenfest versprochen, gleich die Diagnose an den Orthopäden zu schicken, damit dort gleich für heute Abend noch einen Termin ausmachen konnte. Das hab ich auch gemacht, für 17:00 hatte ich den Termin, um kurz nach 19:00 kam ich dran. Und wenn jemand in einem solchen Moment das Pech anzieht, bin das natürlich ich: Die Diagnose war angeblich nicht da, der Arzt wollte heim und hat mir knallhart ins Gesicht gesagt: „ Ich kann nichts dafür, dass sie einen Bandscheibenvorfall haben, wenn die Diagnose nicht da ist, dann kann ich nichts machen, sie meinen doch jetzt nicht ernsthaft, dass ich mir ihre Fotos (die hatte ich ja auf CD mitbekommen) noch einzelnen ansehe. Da habe ich heute weder Lust noch Zeit drauf!“. Ja, und so war das dann auch. Völlig vor den Kopf geschlagen, bin ich dann weiterhin mit Schmerzen, aber dafür jetzt mit einem Rezept für Morphium auf der Praxis. Aber auch in einer Stadt wie München schliessen die meisten Apotheken gegen 19:00 und es war ja bereits 19:30. Meine einzige Hoffnung habe ich in das nahe gelegene Einkaufszentrum gelegt, da die Apotheke bis 20:00 geöffnet hat. Doch hier sagte man mir, dass die kein Morphium auf Lager haben, da es immer nach Bedarf bestellt wird, ich solle es bei den Nachtdienst-Apotheke in der Nähe probieren. Zum Glück hatte auf meinem Heimweg eine Apotheke Nachdienst. Doch auch hier konnte man mir nicht helfen und die nette Dame sagte mir auch ganz ehrlich, dass ich das entsprechende Medikament vermutlich in ganz München nicht bekommen werde. Ich solle jetzt nach Hause gehen und schauen, ob es mit meinem vorhandenen Medis nicht dpch zurecht komme, und wenn nicht, dann solle ich den Krankenwagen rufen, die können mir mit Morphium auf alle Fälle helfen. Na, dann bin ich erstmal nach Hause. Zugegebenermassen habe ich es keine Stunde ausgehalten und habe Olli den Sanker rufen lassen. Ich war schon ganz wirr in der Birne vor lauter Schlafmangel, Schmerzen, Arztterminen und dem schlechten Gewissen, überhaupt nicht für meine Kinder da zu sein. Wie es üblich ist, wenn der Krankenwagen kommt, ist ja kein Notarzt dabei, sondern lediglich Sanitäter. Die haben mir vorsorglich schon mal einen Zugang gelegt und dann auf den gerufenen Notarzt gewartet. Da ich mit dem Rücken zur Tür im Krankenwagen sass, konnte ich den Gott in weiss beim Einsteigen nicht sehen, aber die 2 Sanitäter waren hellauf begeistert und bejubelten ihn regelrecht als er reinkam. Ist das ein gutes Zeichen? Ja, denn wenigsten einmal hatte ich Glück an einem dieser Horrortage: Er war ein Rückenspezialist! Und anstatt mich mitzunehmen und auf Drogen zu setzten, hat er mir ein leichtes Narkosemittel etlicher Male die Wirbelsäule runtergespritzt. Er meinte, wenn es jetzt am Rücken angenehm warm wird und die Schmerzen nach lassen, dann wirke es. Wenn nicht, würde er empfehlen, dass ich erstmal mitkomme. Und es hat geholfen, sich war mit weniger Schmerzen. Und dieser besagte Notarzt ist mein Schmerzretter, denn ihm hab ich mein ganzes Leid seit Anfang des Jahres geklagt und ihn gebeten, ob er mir einen gaaaaanz tollen Rückenspezialisten empfehlen kann, da ich die orthopädische Praxis nie wieder betreten wolle. Und dann hat mir meinen zweiten Schmerzretter genannt. Laut Internet und jameda eine Koryphäe auf seinem Gebiet. Ich war mir sicher, dass ich da wahrscheinlich ewig auf einen Termin warten muss, ähnlich wie für das MRT. Aber nein, schon in einer Woche hatte ich einen Termin. Ich nenne keine Namen, aber wen es interessiert, wer der schreckliche und wer der tolle Arzt war, der soll mich anschreiben, dann gebe ich die Info gerne weiter. Also, war ich dann Mitte Juli in der Praxis. Kein Chaos, keine Wartezeiten, nette Sprechstundenhilfen… was will man mehr? Und der erste Arzt, der mir mal richtig zugehört hat und der mich einfach mal geröntgt hat und mir dann seine Meinung ins Gesicht gesagt hat: Ich habe einen zweifachen Bandscheibenvorfall (wusste ich ja schon), zwischen C5 und C6 ist gar keine Bandscheibe mehr und hier klemme ich mir auch regelmässig den Nerv ein, der meinen Arm lahm legt und zwischen C6 und C7 hängen nur noch Fetzen. Vermutlich ist der obere schon älter, könnten tatsächlich schon 10 Jahre sein und der untere etwas frischer. Er empfiehlt mir zu operieren, denn besser wird es ja nicht, was ja das halbe Jahr Physiotherapie ziemlich deutlich zeige. Wann ich operieren lasse, ist natürlich meine Sache, aber ich solle nicht vergessen, dass ich den Nerv ununterbrochen reize. Und irgendwann sagt so ein Nerv „Jetzt mag ich nicht mehr“ und ist natürlich inoperabel. Es kann sein das der nerv seine Funktion in 2 Wochen oder 20 Jahren oder nie aufgibt, aber das weiss man halt nie. Ich solle mir das durch den Kopf gehen lassen und nach dem Sommeruraub wieder kommen, er habe, wenn ich mich für einen OP entscheide, eine Vorlaufzeit von 2-3 Wochen. So hatte ich für unsern fast 4 wöchigen Sommerurlaub erstmal Gedankenfutter, wobei für mich klar war, dass ich keine andere Option mehr sehe. Und ich habe mich sehr wohl und sicher bei ihm gefühlt, so dass mir eine Zweitmeinung völlig unwichtig war. Wenn man schon so lange rumschustert, und es kommt der Gott in weiss, dann nimmt man diesen Strohalm. Bestärkt hat er mich in meiner Entscheidung im Vorgespräch zur OP als er mich mit den Worten verabschiedet hat: „ Wir sehen uns, ich weiss ganz genau, dass die OP erfolgreich wird, ich tue seit Jahren nichts anderes und es ist immer gut gegangen. Ausserdem freue ich mich Ihren langen, schlanken Hals zu operieren!“.
Und so lag ich nun am 1. Oktober unter dem Messer. Und wie schon Olli am Anfang der Odyssee geschmunzelt hatte, dass man gruseliger Weise von Vorne durch den Hals operiert wird, so ist es auch geschehen. Und ist schon ein seltsames Gefühl, zu wissen, dass sie Luftröhre, Speiseröhre und was da noch alles so vor der Wirbelsäule liegt, auf die Seite schieben und dann an den Wirbeln herumfuhrwerken. Aber im Nachhinein war es nicht schlimm. Die Kaiserschnitte von Mia und Anton waren insgesamt viel schlimmer, was die Schmerzen angehen. Und wenn ich mir, wenn ich das Ergebnis mal nicht vor Augen halte (ich liebe schliesslich meine Kinder über alles :-)), würde ich die Bandscheiben-OP viel eher nochmal machen lassen als einen Kaiserschnitt.

Heute sind fast 3 Wochen vergangen, dass ich meine versteifende Bandscheibenoperation hatte. Hierbei wurden die fehlende und die zerfetzte Bandscheibe durch einen operativen Eingriff entfernt. Anschließend habe ich ein Kunststoffimplantat eingesetzt bekommen, welches mit Schrauben fixiert wird. Die beiden benachbarten Wirbelkörper werden mit Titanschrauben fixiert und verwachsen nach einer gewissen Zeit miteinander. Dadurch kommt es in dem betroffenen Wirbelsäulenabschnitt zu einer Versteifung, welche mich zwar 10-20% in meiner Bewegung einschränkt, was aber tatsächlich nur das nach Oben und Untern sehen ist und nicht zur Seite. Ich war direkt nach der OP auf der Intensivstation schon beschwerdefrei. Bis vor ein paar Tagen hatte ich noch Ladungsschmerzen von der 2stündigen OP, aber die sind jetzt auch weg. Nun quäle ich mich die nächste Zeit noch etwas mit einer Halskrause und einer heilenden und juckenden Narbe herum.
Dafür piepse ich nun Flughafen beim Sicherheitscheck :-), was ich bisher immer im Scherz gesagt habe. Aber es ist wirklich so, aber dafür habe ich einen extra Ausweis, den ich dann vorlegen muss, der erläutert, warum ich piepse.
Viele unruhige Nächte und zahlreiche Telefonate später, haben wir genehmigt durch die Krankenkasse auch eine Familienpflegerin über die Diakonie Fürstenfeldbruck bekommen, da ich ja nicht Autofahren darf und so meine Kinder nicht abholen darf, den Haushalt auch nur sehr eingeschränkt machen kann.
Ende gut, alles gut! Übermorgen geh ich zur Nachkontrolle mit Röntgen und bin bester Dinge. Danke an den Notarzt aus dem Krankenwagen, meinem Operateur, vielen guten Freunden, der Diakonie FFB, meiner und Ollis Familie und am meisten Olli, Mia und Anton.

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